Donnerstag, 23. Juli 2015

Besuch mit "Sitzfleisch"

Besuch mit Sitzfleisch

Ich bekomme nicht besonders oft Besuch und meistens ist es so, das ich mir diesen Besuch auch ganz genau „aussuche“, also selbst entscheide, ob ich gerade auf Besuch eingestellt bin und um wem es sich handelt. Meine wenigen Freunde, die ich im realen Leben habe, wissen dies und melden sich vorher an.
Es gibt Momente, da kann ich einfach nicht auf Besuch, da brauche ich nur meine Ruhe bzw. meine Familie um mich herum und selbst die Familie ist in manchen Momenten sogar zuviel.
Derzeit ist meine kleine Familie sehr sehr klein geworden, da mein Mann auf Reha ist, der Große seinen eigenen Haushalt hat und ich somit die meiste Zeit nur mit meinem kleinen Sohn allein bin.
Ich genieße diese Ruhe und auch das Allein sein, aber genauso sehr vermisse ich meinen Mann und die Anwesenheit vom Großen, der zwar zwischendurch (meist täglich) mal vorbeischaut, aber nie wirklich lange bleibt.
Wenn wir Besuch erhalten, dann kommen diese Menschen meistens zu meinem Mann, da ich vor Ort nicht wirklich viele Freunde habe, die „mal kurz“ vorbeischauen könnten. Nun ist es so, wenn dann mal Besuch da ist, egal, ob es Freunde von mir sind oder von meinem Mann oder sogar gemeinsame Freunde, so habe ich kein Sitzfleisch, um über eine längere Zeit mit diesen Menschen zu kommunizieren, ohne das ich mir zwischendurch meine Auszeit nehmen muss, sprich, ich ziehe mich zurück, mal für einen kurzen Augenblick, mal für längere Zeit – je nachdem, wie „anstrengend“ dieser Besuch für mich ist.
Ich kann dies nicht genau in Zeiten angeben, aber im Durchschnitt sind es 2-3 Stunden, in denen ich durchaus ohne Probleme als Gastgeberin mithalten kann, bevor ich eine Auszeit benötige.
Einige bleiben erst gar nicht so lang, andere hingegen schon, aber das stört auch nicht weiter, so lange ich nicht aus meinen Routinen gerissen werde bzw. mir meine Auszeiten zwischendurch nehmen kann.

Gestern hatte ich den Fall, das sich bei mir Besuch angekündigt hatte, die mir bei Einrichtung meines neuen PCs behilflich sein wollten, da ich mit diesem für mich neuen Betriebssystem überhaupt nicht zurecht gekommen bin. Für dieses Hilfsangebot war ich sehr dankbar und ich war nicht nur gut vorbeireitet auf diesen Besuch – nein – ich habe mich sogar gefreut. Meine einzigen Bedenken waren halt, wie reagiert mein Sohn auf diesen Besuch – a) er kannte die Frau, da sie bereits schon einmal hier war und er sie kurz gesehen hat b) der Mann war für ihn ein Fremder und somit würde er höchstwahrscheinlich die ganze Zeit wieder nur in seinem Zimmer bleiben. Mein Sohn und ich haben nicht viele Gemeinsamkeiten, aber was Besuch angeht, da ist er noch ungeduldiger als ich (in Bezug auf: Wann gehen die denn wieder?!)
„Zum Glück“ hatten sich zwei Freunde bei ihm angemeldet, die mit ihm bei uns spielen wollten, so war die „Ich bleibe in meinem Zimmer, bis der Besuch wieder weg ist“-Phase schon einmal gerettet, denn mit Freunden geht er auch im Garten spielen bzw. lässt sich in den unteren Räumen blicken, auch wenn „fremder Besuch“ da ist und so war es dann auch.

Mein Besuch kam absolut pünktlich zur verabredeten Zeit, aber mein Sohn hatte es verpasst, rechtzeitig in sein Zimmer zu verschwinden. So saß er noch auf dem Sofa im Wohnzimmer, während der Besuch eintrat und dort blieb er dann natürlich auch erst einmal „stocksteif“ sitzen.
Nun musste er fast eine Stunde ausharren, bis seine Freunde vorbei kamen. Womit ich und wohl mein Sohn auch nicht gerechnet hat, war die Art, mit der dieser für ihn fremde männliche Besucher auftrat. Ich habe nicht alles mitbekommen, da ich mich zeitgleich um den Kaffee in der Küche gekümmert habe und alles auf die Terrasse gebracht habe. Hörte immer nur einzelne Gesprächsstücke, bekam aber mit, das mein Sohn tatsächlich auf Fragen antwortete.
Dann saßen wir erst einmal einige Zeit auf der Terrasse, tranken Kaffee und erzählten. Irgendwann kümmerten wir bzw. mein Besuch sich dann um meinen PC. Die Kinder, die zwischenzeitlich eingetroffen waren, spielten abwechselnd im Garten bzw. im Haus. Alles war in bester Ordnung.
Nach vier Stunden mussten die Kinder wieder nach Hause, mein Besuch war immer noch da.
Waren wirklich schon 4 Stunden vergangen? Ich hatte noch keine Auszeit, brauchte diese aber auch gar nicht.
Ich war mit meiner Besucherin so intensiv im Gespräch, das ich überhaupt nicht bemerkte, das ihr Mann und mein Sohn plötzlich verschwunden waren. Ich schaute kurz rein und hörte Stimmen aus dem Kinderzimmer. Mein erster Gedanke: Ich glaube, da haben sich zwei gesucht und gefunden :-)
Nach fast 8 ½ Stunden verabschiedete sich mein Besuch dann. Die Zeit verging im Flug und ich fühlte mich wohl, die ganze Zeit, keine Auszeit, keine Frage im Kopf: „Wann habe ich endlich Ruhe“.
Wobei nun nicht das Gefühl aufkommen soll, das ich mich extrem Unwohl fühle, wenn ich anderen Besuch hier habe. Auch dann gibt es dieses Momente, ich denen ich gerne in Gesellschaft bin, aber niemals auf diese lange Zeit gesehen. Hätte man mir irgendwann man gesagt, ich würde ohne Unterbrechung 8 ½ Stunden mit Menschen verbringen, ohne mir eine kurze Ruhezone zu suchen, ich hätte wohl den Vogel gezeigt.
Hier waren Menschen mit „Sitzfleisch“ und es störte mich nicht, ganz im Gegenteil, ich hätte noch länger sitzen bleiben können.

Kaum war der Besuch weg fing mein Sohn an und suchte das Gespräch mit mir. Aber anstatt mir mitzuteilen (wie es seine Art ist): „Endlich!!!!! Endlich wieder Ruhe“ hörte ich ein „Der ist mir total sympathisch und so cool“. Ich musste mir ein lautes Auflachen verkneifen. Dann sprudelte erst einmal alles aus ihm raus: „Der hat mir ganz tolle Sachen am PC erklärt und Tricks gezeigt und Tipps gegeben und meinen PC will er mir auch noch mal so richtig auf mich anpassen und und und..... Irgendwie ist der aber ganz schön durchgeknallt, aber cool durchgeknallt – ist der auch Autist?“ Ich schaute meinen Sohn nur an und musste lachen und hatte gerade ganz stark das Bedürfnis ihn einfach (ohne Vorankündigung) in den Arm zu nehmen. Er ließ es anstandslos zu und drückte mich ebenfalls. Dann antwortete ich ihm, während wir uns noch fest im Arm hielten:
„Ja, das sind beides Autisten, wie du und ich“ - Wir hatten noch eine lange Nacht vor uns, fanden nicht in den Schlaf und so durfte ich mir noch fast 3 Stunden, nachdem der Besuch weg war, anhören, was mein Sohn mit seinem „neuen Freund“ alles gemacht hat und es tauchte eine Frage auf, die bei meinem Sohn Seltenheitswert hat: „Wann kommen die wieder vorbei?“

Diese Frage konnte ich ihm nicht beantworten, aber ich hoffe, ganz ganz bald.


Samstag, 18. Juli 2015

Danke für deine Freundschaft - Offener Brief



Letztens hat eine inzwischen für mich lieb gewonnene Freundin einen offenen Brief auf ihren Blog gepostet, der mich sehr traurig gemacht hat.

Dieser Brief machte mich nicht nur traurig, sondern auch sehr nachdenklich und wieder mal musste ich feststellen, welch ein Glück ich in meinem Leben gehabt habe, das ich immer Menschen um mich herum hatte, die mich unbewusst beschützt und in ihr Leben integriert haben, damit mir so etwas nicht passiert und mich immer so angenommen und akzeptiert haben, wie ich bin. Von daher möchte auch ich hier nun einen offenen Brief schreiben, gerichtet an einen Menschen, der mein Leben geprägt und in die richtige Richtung geführt hat, denn ohne sie wäre ich  wohl nie wirklich im Leben angekommen.

Liebe T.,
heute haben wir kaum noch Kontakt zueinander, dennoch bist du für mich die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Ich kann es gar nicht wirklich in Worte fassen, bei dir durfte ich immer so sein wie ich bin. Du mochtest mich, ich war während der Schulzeit und auch darüber hinaus auch deine beste Freundin. 
Obwohl du in der Schule wohl das meist beliebteste Mädchen warst, bist du nie von meiner Seite gewichen. Wenn du von den Jungs gefragt wurdest, ob du mit Fußball spielen möchtest, hast du dies immer nur bejaht, wenn ich auch mitspielen durfte. Bei den Mädchen war es ähnlich, du hast immer so gehandelt und reagiert nach dem Motto:"Nichts ohne meine beste Freundin". Dank dir wurde ich in der Klasse einigermaßen integriert und war nicht wirklich eine Einzelgängerin, auch wenn ich mich immer so gefühlt habe. Dank dir wurde ich bei Mannschaftsspielen während des Sportunterrichtes nie als letzte gewählt. Du hast mich immer mitgezogen, egal was war. 

Während des Unterrichtes hast du es geschafft, in meinem Chaos Ordnung zu machen, so dass ich dem Unterrichtsstoff ohne große Probleme folgen konnte.
An Tagen, wenn du nicht in der Schule warst, klappte kaum etwas bei mir. Die Pausen waren für mich die Hölle, ich war allein unter vielen, im Unterricht konnte ich nicht wirklich folgen. Im Nachhinbein betrachtet, wäre ich ohne dich in der Schule gescheitert. Zur damaligen Zeit kannte man das Wort "Schulbegleiter/Integrationshelfer" noch nicht, aber du hast schon damals diese Rolle übernommen, ganz uneigennützig und selbstverständlich, einfach nur aus Freundschaft zu mir.

Unsere Freundschaft hat sehr lange angehalten. Ich muss heute immer wieder schmunzeln, wenn ich an deine erste Verabredung mit einem Jungen zurückdenke.Du warst total hibbelig im Bauch und hast mich zu diesem Date einfach mitgenommen. Den Blick von M. werde ich wohl nie vergessen :-)
Auch als du deinen Mann kennengelernt hast, war ich die erste, der du ihn vorgestellt hast. Momente, die mir sehr wichtig waren und mir für ewig in Erinnerung bleiben.

Danach haben wir uns aus beruflichen Gründen nur noch sehr selten gesehen. Aber als wir uns Monate nach deiner Hochzeit (die die nur in kleinen Rahmen mit Familie und enge Freunde gefeiert hast und auch ich mit anwesend sein durfte) zufällig begegnet sind und du mich gefragt hst, wie es mir ginge und ich dir mitgeteilt habe, das ich schwanger bin, hast du angefangen zu lachen, mich in den Arm genommen und mir erzählt, das du ebenfalls schwanger bist. Während der Schwangerschaft haben wir uns selten gesehen, aber viel miteinander telefoniert. Wir standen immer in Kontakt.

Unser wohl glücklichster und zeitgleich lustigster Moment war wohl die Zeit im Krankenhaus kurz nach der Entbindung meines ersten Kindes. Du hast mich am 2. Tag nach der Geburt mit deinem Mann besucht und am 3. Tag nach der Geburt kam dein Mann allein zu mir, ganz freudestrahlend und teilte mir mit, das du nur zwei Zimmer weiter liegst und ihr nun eine Tochter habt. Du warst immer bei mir - obwohl dein Entbindungstermin noch 5 Wochen vor dir lag. Deine Anwesenheit im Krankenhaus hat mir viel Sicherheit gegeben, ich war nicht mehr allein unter all diesen Fremden. 

Ganz stolz war ich, als du mich gefragt hast, ob ich Patentante werden möchte. 
Du hast mein Leben bereichert, mir Sicherheit geboten und mir aufgezeigt, was wahre Freundschaft bedeutet. Eine Freundschaft, die 30 Jahre bestand hatte, bis kurz nach der Geburt meines 2. Kindes.
Da trennten sich unsere Wege. Nicht wegen eines Streites oder irgendwelchen Unstimmigkeiten. Nein, ich zog mich zurück. Obwohl ich damals noch nichts vom Autismus meines Sohnes oder von meiner eigenen Diagnose wusste, das Leben mit meinem 2. Kind stellte bei mir alles auf den Kopf. 8 Jahre haben wir uns danach aus den Augen verloren, bis zu dem Tag, als eine Einladung zu einem Klassentreffen anstatt. Du hast mich angerufen und nachgefragt, ob ich hingehen würde, ansonsten würdest du dort auch nicht erscheinen. 

So verabredeten wir uns am Tage des Klassentreffens vor der Gaststätte und gingen gemeinsam zu diesem Wiedersehen aus der Schulzeit nach 31 Jahren. Und wieder hast du dort sofort die Rolle der Integrationskraft für mich übernommen. Du bist nicht von meiner Seite gewichen, selbst den Gang zur Toilette haben wir, wie früher, gemeinsam gemacht. Diese 8 Jahre Trennung hat nichts geändert an unserer Freundschaft. Ich habe dir auch sofort alles erzählt von der Diagnose meines Sohnes, du hast alles ganz wissbegierig aufgenommen. Auch als ich dir von meinem eigenen Verdacht auf Autismus erzählte, hast du so toll reagiert und gemeint, "dadurch ändert sich doch bei uns nichts. Für mich warst du nie anders oder seltsam. "

Danke!!!!

Ein großer Dank geht auch an meine Mama und meine Cousine. Euch werde ich auch noch einen Dankesbrief widmen.
Es gibt nur wenige Menschen, die mein Leben so geprägt haben, wie ihr es getan habt.
Neben meiner Familie die wichtigsten Menschen, denen ich begegnen durfte.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Im Moment läuft bei uns einfach gar nichts richtig rund (RW).
Zum ersten Mal seit ganz langer Zeit habe ich gemerkt, das mir „mein Autismus“ im Wege stand. Aber vielleicht sollte ich mal ganz von vorne anfangen…

Mein Mann ist nun seit 3 Monaten krankgeschrieben. Seine Sehnen in der rechten Schulter sind gerissen, die Muskulatur ziemlich angenagt. Nach 3 Monaten Schmerzen und zuhause rumsitzen war nun endlich der ersehnte OP-Termin. Die Ärzte konnten nichts mehr „flicken“ und mussten ihm eine komplett neue Schultergelenk-Prothese einsetzen.
Nun ist diese Klinik nicht bei uns im Ort, sondern ich muss täglich ca. 40 km fahren. Für mich schon eine Schwierigkeit, wenn es sich um eine unbekannte Strecke handelt. Zum Glück ist mein ältester Sohn den ersten Tag gefahren und so konnte ich mir die Strecke in Ruhe anschauen. Danach bot sich ein Arbeitskollege meines Mannes an, mich in die Klinik zu fahren. Somit konnte ich noch einmal in Ruhe die Strecke abchecken. Ab Tag drei hab ich es dann selbst gewagt und es hat super geklappt. Mein Mann war nach der OP in seiner Beweglichkeit noch stärker eingeschränkt, als vor der Operation. So fuhr ich diese Strecke also täglich, damit ich ihm bei der täglichen Körperpflege helfen konnte und auch ansonsten einfach für ihn da war. Denn diese Schultergelenk-Prothese bedeutet höchstwahrscheinlich eine Berufsunfähigkeit, so die Aussage der Ärzte.

Heute nun ist mein ältester Sohn mit in die Klinik gekommen, während der Kleine in der Schule war. Die Strecke kenne ich mittlerweile aus dem ff und so bin ich mit unserem Auto gefahren (zum Glück).

Irgendwie lief alles glatt, kaum Verkehr auf der Straße, so dass wir sehr gut durchgekommen sind, sofort Parkplatz direkt vor der Tür gefunden (die letzten Tage musste ich immer ca. 15 min. durch die Gegend fahren und suchen) und die Sonne schien endlich mal seit langer Zeit wieder. Es hätte nicht besser sein können bis zu diesem Moment…..

Nachdem ich meinem Mann mit der täglichen Körperpflege geholfen hatte, kam der Physiotherapeut rein, um ihn zur Therapie abzuholen. In dieser Zeit wollten mein Sohn und ich in der Cafeteria einen Kaffee trinken gehen. Wir benutzten den Weg vom Hintereingang der Klinik zur Cafeteria, dort, wo ich auch das Auto geparkt hatte. Auf Höhe des Autos bleib mein Sohn plötzlich stehen, krümmte sich. Ich schloss das Auto auf, so dass er sich erst einmal setzen konnte. Hier verkürze ich das ganze mal. Die Schmerzen wurden schlimmer, ich lief wieder in die Klinik, um einen Notarzt zu holen. Dort wurde mir gesagt, dass es eine orthopädische Klinik sei und sie für diese Fälle nicht zuständig sind. Dennoch kam ein Narkosearzt kurz mit raus, um sich meinen Sohn anzuschauen. Nachdem er festgestellt hatte, das der Puls normal und der Kreislauf stabil war, bat er mich in die nahegelegene Klinik zu fahren, da die Ärzte sich dort besser auskannten. Panik in meinem Körper. Ich soll/muss von meiner gewohnten Strecke abweichen und eine andere Klinik aufsuchen, die ich nicht kenne – Panik, Panik, Panik.
Ich weiß nicht, ob mein Sohn dies spürte und meine starre Haltung bemerkte, aber er sagte sofort, fahr mich einfach in unsere Klinik, die Strecke kennst du von hieraus. Ich halte es so lange noch durch.

Ich sofort ins Auto und ab ging es Richtung Heimat. Ich glaube, ich habe den Fuß gar nicht mehr vom Gas genommen. Meine Nervosität, die Sorge um meinen Sohn, Angst, jetzt etwas falsch zu machen – Himmel, warum konnte ich nicht einfach das Navi anschalten und diese mir unbekannte Klinik aufsuchen, die nur 5 Autominuten entfernt war. Ich hätte sofort Hilfe vor Ort gehabt. Aber nein…es ging nicht und hier habe ich mich zum ersten Mal, wirklich zum allerersten Mal geärgert, das „mein Autismus“ mir dies nicht erlaubt hat.

Ich habe in Rekordzeit die Notaufnahme unserer ortsansässigen Klinik erreicht und mein Sohn wurde sofort versorgt, ohne langen Erklärungsbedarf. Nach der Erstversorgung bin ich schnell in die Schule, um meinen anderen Sohn dort abzufangen und ihn bei einem Schulfreund unterzubringen, damit ich gleich wieder zurück in die Notaufnahme konnte. Zwischenzeitlich stand der Befund fest: Bauchspeicheldrüsenentzündung.
Nun habe ich zwei meiner liebsten Menschen in zwei verschiedenen Kliniken, aber ich weiß, dass ich dieses nun auch noch schaukeln werde.

Es nagt gerade alles an meiner Substanz, aber das schlimmste habe ich überstanden. Nun ist es wichtig, dass meine beiden Männer wieder schnell Gesund werden und dann schauen wir nicht mehr zurück. Wir sehen positiv in die Zukunft und ich werde weiter daran arbeiten, das ich in Notsituationen einfach anders, spontaner und selbstsicherer handeln muss. 

Dienstag, 28. April 2015

Brief-Aktion an einen 10-jährigen Autisten


Dieser Post ist einem 10 jährigen Autisten gewidmet, dem sein Autismus sehr peinlich ist und sich als defekt sieht. Hier noch einmal der Link zu dieser tollen Aktion: Brief an einen Autisten.
Mit diesem Brief möchte ich an der Aktion beitragen:

Hallo,
ich bin selbst Autistin und habe einen Sohn, der ebenfalls 10 Jahre alt ist und Asperger-Autist.
Als ich in deinem Alter war, fand ich alles doof, zumal ich damals auch noch nichts wusste von meiner Diagnose und überhaupt nicht verstehen konnte, warum alles so ist wie es ist. Hört sich jetzt sicher etwas kompliziert an, aber damals glaubte ich, an mir sei einfach alles verkehrt und ich war ständig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Ich probierte so viel aus und scheiterte genau so oft. Meine größte Leidenschaft war das Lesen und das ist bis heute auch so geblieben. Ich habe alles verschlungen, was es so zum Lesen gab und versuchte mich mit jedem Helden aus meinen Büchern zu identifizieren, aber meistens waren es nur die traurigen Kapitel, in denen ich Ähnlichkeiten herausfiltern konnte. Das liest sich jetzt vielleicht alles etwas traurig, aber so traurig und einsam war mein Leben nicht. Ich hatte noch drei Geschwister und meine Cousine, die mich immer wieder aus meinem für mich tristen Alltag herausholten und mich überall mit hinnahmen, so das ich nur wenig Zeit fand, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Einen richtigen Rückzugsort hatte ich damals auch nicht, da ich mir mein Zimmer noch mit meinen drei Geschwistern teilen musste und so baute ich mir eine kleine Höhle mit Decken, welches mein Reich war und wo ich meine Ruhe fand, wenn ich mal allein sein wollte. Mein bester Freund war ein kleiner Teddy, dem ich all meine Sorgen und Freuden mitteilen konnte. Er hörte mir zu und war immer zur Stelle, wenn ich ihn brauchte. In der Schule war ich nicht gerade die beste Schülerin, gehörte so immer zur „Mittelklasse“. Das Lernen ist mir immer sehr schwer gefallen, aber ich habe das Klassenziel immer mit müh und Not geschafft. Meine Lieblingsfächer waren Deutsch und Englisch. Sport war mir immer ein graus.

Mein Sohn, der ja in deinem Alter ist, ist ein kleiner Computer-Freak. Seine derzeitige Lieblingsbeschäftigung ist Minecraft (welches wohl auch sein derzeitiges Spezialinteresse ist). Es macht mir wahnsinnig viel Spass, ihm beim erkunden und bauen seiner Minecraft-Welt zuzuschauen. Ich finde es total faszinierend, mit welchem Eifer und Ehrgeiz er dabei ist. Bevor er sein Interesse für Minecraft entdeckt hat, war es Star Wars. Er hat alle Filme immer und immer wieder geschaut und konnte die meisten Dialoge schon mitsprechen. Er hat so viele Bücher von Star Wars gelesen und alles gesammelt, was er dazu so fand. Unter anderem natürlich auch die Force-Attax-Sammelkarten, die er dann mit seinen Freunden tauschen konnte.

Mein Sohn ist ein sehr guter Schüler, obwohl er nach eigener Aussage gar nicht gerne in die Schule geht und viel lieber seine „kostbare“ Zeit am PC verbringen würde. Aber das ist sicher eine ganz normale und gesunde Denkweise eines 10-jährigen Kindes. Computer gab es in meiner Kindheit noch nicht, aber ich bin der Meinung, wenn es das damals schon gegeben hätte, dann wäre ich wohl auch ein PC-Freak geworden. Dank des Computers bzw. des Internets kann man sich als Autist wunderbar mitteilen, seine Gedanken in Blogs niederschreiben, virtuelle Freunde finden und an tollen Aktionen teilnehmen, so wie diese Briefaktion.

Ich könnte jetzt noch stundenlang weiter schreiben, denn ich denke, ich hätte dir noch eine Menge zu erzählen, aber sicher erhältst du aufgrund dieser Aktion so viele Briefe, das du gar nicht mehr zu deinen Hobbys kommst und die sollten und dürfen auf gar keinen Fall zu kurz kommen.

Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass ich vielleicht auch mal etwas von dir zu lesen bekomme.

Zu guter Letzt möchte ich dir noch meinen Lieblingssatz auf den Weg geben: „Sei täglich der beste Autist, der du sein kannst“ – mehr geht nicht.

Montag, 27. April 2015

NT vs. Aspie – Ein Vergleich meiner Kinder


 Vor einigen Tagen sind mir beim Sortieren meiner Unterlagen zwei Ordner in die Hand „gefallen“, welche schon seit Ewigkeiten im Schrank stehen, aber keines Blickes mehr gewürdigt wurden. Es handelte sich um die Ordner meiner Kinder aus Kindergartenzeiten und Beginn der Schulzeit, also gesammelte Werke aus dieser Zeit sowie Notizen meinerseits in gewissen Zeiträumen und Situationen.  Da diese beiden Ordner gemustert sind und so gar nicht zu den anderen einheitlichen Ordner passen, habe ich sie rausgezogen zwecks umsortieren in passende Ordner, damit diese in der Reihe nicht mehr so „rausstechen“.
Während ich den Ordner von meinem ältesten Sohn in die Hand nahm und diesen öffnete, fiel mir sofort eine Notiz „ins Auge“, die gleich oben auf geheftet war. Ich las sie mir durch, schaute wieder auf die Beschriftung des Ordners und wunderte mich gleichzeitig, da die aufgeschriebenen „Merkmale“ doch sehr an meinen jüngeren Sohn erinnerten. Nun zog ich auch den Ordner von meinem autistischen Sohn heraus und verglich beide Kinder anhand meiner Aufzeichnungen. Beide Kinder haben einen Altersunterschied von 14 Jahren, da vergisst man schon einmal einige Kleinigkeiten und diese habe ich nun wieder etwas aufgefrischt. 

Ich war schon sehr erstaunt, wie sich beide Kinder einerseits anhand meiner Notizen, der Beurteilungen der Erzieher und  Lehrer ähnlich waren und andererseits, wie unterschiedlich beide die ersten 10 Jahre dennoch waren.

Beide Kinder besuchten den gleichen Kindergarten, aber es war nicht mein autistischer Sohn, der im ersten Jahr im Kindergarten Auffälligkeiten zeigte, sondern mein neurotypischer Sohn. Dieser fand im ersten Jahr keinen Anschluss zu den anderen Kindern, hatte keine Freunde, weinte ständig und bekam Wutanfälle, wenn ich ihn in den Kindergarten brachte. Mein kleiner Aspie zeigte keinerlei Reaktion, wenn ich ihn im Kindergarten ablieferte, fand schnell Freunde und war mit Freude dabei. Die Auffälligkeiten hatten wir ja überwiegend nur zuhause, da er dort all seine Wut raus lies. Gesprochen haben beide Kinder im Kindergarten sehr wenig. Mein NT-Sohn anfangs nur mit einer Erzieherin, mein Aspie mit seinem besten Freund und einer Erzieherin, ansonsten war er stumm.

Auch in der Grundschulzeit war es mein NT-Sohn, der wesentlich mehr Auffälligkeiten in der Schule zeigte, als unser Aspie. Zwar hat dieser während der Grundschulzeit mehr Freunde gefunden, ist aufgeschlossener geworden, aber er hatte seine Probleme mit den Lehrern, die ihn einfach nicht verstehen wollten. Dies änderte sich auch während der gesamten Schulzeit nicht, so dass wir ständig Briefe aus der Schule erhielten oder uns am runden Tisch wieder fanden.


Ich musste nun gerade feststellen, dass es mein Aspie wesentlich leichter hatte in den ersten 10 Jahren, als mein NT-Sohn. Jetzt mag es daran liegen, dass ich aufgrund der Diagnose gelernt habe, für die Rechte meines Kindes zu kämpfen, über mich hinausgewachsen bin und mich gerade selbst neu finde aufgrund meiner Diagnose und ich all dies früher nicht gesehen habe bzw. mich auch nicht getraut habe, eine andere Meinung als die anderen zu vertreten.  Es macht mich nun einerseits sehr traurig, dass mein NT-Sohn keine Kämpferin zur Mutter hatte und er genau das durchmachen musste, was uns Autisten sehr gerne nachgesagt wird. Er hat sehr viel gelitten unter seinem NT-Wesen. Zum Glück ist mein NT-Sohn heute inzwischen ein junger Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht und sein Leben sehr gut meistert und inzwischen auch nicht mehr unter seinem NT-Leben leiden muss :-)


Donnerstag, 16. April 2015

Täglich die beste Autistin, die ich sein kann

„Täglich die beste Autistin,
die ich sein kann“
(Quelle: LunA)

Schon seltsam, was diese Worte in Form eines Anhängers, den ich in Leipzig beim 2. Leipziger Autismustag am Infobörsenstand von „LunA“ fand jetzt gerade bei mir auslöst. Er motiviert mich gerade zu  und genau nach diesem Motto strukturiere ich gerade meinen Alltag, der mir nun jeden Tag neue Herausforderungen bringt.

Nachdem mein 10-jähriger Sohn seit November fast durchgehend aufgrund von Erkrankungen der Schule fern bleiben musste und wir erst Ende März die Ursache gefunden haben und nun alles nach einer OP wieder seinen normalen Weg geht und mein ältester Sohn aufgrund eines Leistenbruchs ebenfalls im März eine OP hatte, dachte ich, nun ist erst einmal Ruhe und ich kann mich wieder langsam auf meine gewohnten Routinen einlassen. Aber ich habe diesen Wunsch ohne meinen Mann gemacht J Nun habe ich ihn für mehrere Monate zuhause. Der OP-Termin rückt langsam näher und es wird ein schwieriger Eingriff, der uns/mich wieder vor viele neue Herausforderungen stellt. Gestern nach dem Befund wusste ich nicht, wo mir der Kopf steht, wie ich das alles bewältigen soll, meine Strukturen, Routinen, alles weg…..

Heute Morgen fiel mir dann dieser Anhänger von LunA ins Auge. Ich schaute drauf, las und war plötzlich motiviert. Genau so wird es nun angegangen. Niemand erwartet schließlich von mir, das ich alles gut meistere, aber ich werde mein Bestes geben, so lange ich es kann und wenn es nicht geht, dann habe ich es zumindest versucht, frei nach dem Motto „Täglich die beste Autistin, die ich sein kann“ – mehr geht nicht. Danke LunA


Sonntag, 12. April 2015

LunA – Meine Eindrücke



Mit 30 minütiger Verspätung habe ich mich am Samstag morgen um 06.30 Uhr in Begleitung meiner Nichte und meines Sohnes auf den Weg nach Leipzig gemacht, um am 2. Leipziger Autismustag „LunA – Leipzig und Autismus“ teilzunehmen.

Ich hatte zwar an diesem Tage einen Verkaufsstand mit meinem Schmuck vor Ort, schildere aber hier nur meine Wahrnehmungen, Gedanken und Eindrücke. 

Die Fahrt war relativ entspannend, da meine Nichte mit dem Auto gefahren ist und ich somit nur als Beifahrer fungierte. Weite Strecken, wie in diesem Fall mit etwas über 200 km Entfernung kann ich selbst nicht bewältigen und so war ich froh, eine Fahrt antreten zu können, die mir ohne Begleitung nicht möglich gewesen wäre.

Gegen 08.45 Uhr sind wir am Ziel, dem Mediencampus  der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig angekommen.



Größere Menschenmengen bewirken bei mir immer noch Angst und Unsicherheit und so war ich gleich zu Beginn erleichtert, dass alles noch sehr übersichtlich war und ich mir erst einmal einen großen Überblick der Umgebung und der Räumlichkeiten machen konnte.
Noch während ich mit Begleitung und Gepäck an der Anmeldung stand, wurde ich von meiner Freundin und Organisatorin von LunA erblickt und sofort ganz freudig begrüsst. Damit war für mich schon der 2. Punkt meiner Unsicherheit weggefallen. Denn wie immer bei solchen Veranstaltungen schaffe ich es nur selten bis gar nicht, auf die Leute zuzugehen und anzusprechen, obwohl ich diese flüchtig oder sogar gut kenne. Bei meiner Freundin wäre mir dies sicher nicht schwer gefallen, aber hier waren meine Ängste, dass ich sie aufgrund der Vielzahl an Menschen nicht sofort erkenne. Aber alles gut gelaufen J

Das es aber auch den anderen Fall geben kann, nämlich einen Menschen zu erblicken, den man bereits durch persönliche Gespräche, Vorträge und dem sozialen Netzwerk gut kennt und dennoch nicht schafft, ihn anzusprechen, ist ein Hindernis für mich, welches mich immer und immer wieder ärgert und mich auch im Nachhinein noch eine lange Zeit beschäftigt. Gerade weil man sich wünscht, eine Unterhaltung mit dieser Person zu führen, es aber nicht schafft, sich zu überwinden und diesen kleinen Schritt geht. Ein Schritt, den ich für mich nicht gehen kann. Nun schwirren mir wieder tausend Bilder einer eventuell möglichen Begegnung und Unterhaltung im Kopf herum und ich werde sie derzeit nicht los. Dieser Punkt war sehr enttäuschend für mich und passiert mir leider immer wieder. L


Von daher bin ich immer wieder froh, wenn Menschen in mein Leben treten, die ich aus dem sozialen Netzwerk schon richtig gut kenne und welche dann an solchen für mich sehr anstrengenden Tagen auf mich zukommen und ansprechen. In diesem Moment ist dann meine innere Blockade gebrochen und es kann eine nette Kommunikation starten. Danke an dieser Stelle an meine virtuellen Freunde, die ich nun persönlich kennen lernen durfte. Danke, dass ihr diesen Schritt in meine Richtung gemacht habt. Ein Schritt, der für viele keine Bedeutung hat und für mich eine immer wieder neue Erkenntnis bringt. Eine Erkenntnis, dass eine virtuelle Freundschaft auch im realen Leben einen guten Bestand haben kann.

„LunA“ war perfekt organisiert, es gab sehr interessante Vorträge mit anschließender Podiums-Diskussion, die ich leider nicht mit verfolgen konnte aufgrund meines Verkaufsstandes.
Von daher kann ich über die Vorträge keinen Bericht abliefern, aber dafür wird es andere Blogs geben, die dort ihre Eindrücke schildern werden, worauf auch ich schon sehr gespannt bin. Ich konnte/durfte dennoch einen Vortrag hören und allein dieser Vortrag "Echt autistisch! Mädchen und Frauen durchbrechen Klischees“ hat alle Erwartungen meinerseits übertroffen.
Es war nicht nur informativ, sondern man erkannte sich oftmals selbst wieder und wurde sofort in die eigene Kindheit mit all den Erinnerungen, die man hat, zurückversetzt. Dinge, die ich selbst so erlebt habe, aber trotz meiner Diagnose so noch gar nicht reflektiert hatte, wurden geweckt und ich wurde wieder mal zum nachdenken animiert. Danke Tina, für diesen eindrucksvollen Vortrag, der mit vielen Bildern noch intensivere Spuren bei mir hinterlassen hat.

Auch die Informationsstände waren gut gemischt und mit vielerlei Informationsbroschüren, Büchern, persönlichen Gesprächen und Beispielen zur besseren Veranschaulichung vertreten.

So anstrengend dieser Tag auch für mich persönlich war und ich erst wieder sehr langsam in meinen Alltag zurückkehren werde, genau so überwältigend waren alle Eindrücke und Wahrnehmungen, die auf mich „eingestürzt“ sind.

Ein Tag, für den es sich wirklich gelohnt hat, all diese Strapazen auf sich zu nehmen. Obwohl ich auch einen kleinen Kritikpunkt nicht außer Acht lassen möchte. Auch hierbei handelt es sich allein um meine Meinung und Wahrnehmung, aber Kritik sollte bei gut geplanten Veranstaltungen nicht abwertend angesehen werden, sondern einfach nur als gut gemeinten Hinweis. Für mich sind Fachtagungen und/oder Informationsveranstaltungen zum Thema Autismus in erster Linie für die breite Öffentlichkeit gedacht, damit jeder die Gelegenheit erhalten kann, daran teilzunehmen und ein gemeinsamer Austausch stattfindet, Informationen gesammelt werden können und somit zur Sensibilisierung und Aufklärung zu dieser Thematik beitragen. Dies ist bei einer m.E. extrem hohen Tagungsgebühr nicht jedem möglich und somit nur denen zugänglich, die das nötige Kleingeld haben oder aber nur einzelnen Personen und nicht für ganze Familien. Aufgrund eigener Erfahrung mit solch einer Veranstaltung denke ich, wenn die Eintrittsgelder weitaus geringer ausfallen würden (oder sogar komplett wegfallen), man somit eine weit aus größere Teilnehmerzahl erreichen und somit wesentlich mehr zum Thema beitragen. 

Nichts desto Trotz ist LunA immer eine Reise wert.


Vielen Dank an die Organisatoren und die vielen Helfer im Hintergrund. Einfach tolle Arbeit.