Samstag, 21. März 2015

Was soll nur aus mir werden?

Während der Schulzeit muss man sich ja schon einmal Gedanken machen, welchen Beruf man später erlernen und ausüben möchte.

Da ich ein sehr ruhiger und stiller Mensch bin und absolut nicht wortgewandt, musste es ein Beruf sein, bei dem ich nicht wirklich viel reden muss, zumindest nicht frei heraus.
In der 7. Klasse meldete ich mich in der Theater-AG an. Welcher Beruf hätte besser zu mir gepasst? Jeden Dialog, den ich sprechen werde, muss ich im Vorfeld auswendig lernen.  Texte auswendig lernen bereitete mir nie Probleme. Hier musste ich also richtig sein und schon einmal einen Vorgeschmack für den Berufsstart als Schauspielerin holen. Super, nie wieder Gedanken machen, womit ich eventuell ein Gespräch beginnen könnte, damit ich bei Unterhaltungen auch mal mitreden kann.
Ich bekam schnell die Hauptrolle von unserem ersten Theaterstück, da ich den Text recht zügig auswendig konnte und nur zwei weitere Teilnehmer der Gruppe sich für diesen Part beworben hatten. Das Theaterstück war ein voller Erfolg bei der Premiere in der Schule und schnell erhielten wir Einladungen zu weiteren Aufführungen. Nach der Premiere wurde ich als Hauptdarstellerin noch zu dem Stück befragt und ich musste/sollte vor dem Publikum frei heraus antworten. Das hat mir keiner im Vorfeld gesagt und so stand ich mal wieder wortlos auf der Bühne und bekam nur Wortfetzen ohne wirklichen Zusammenhalt raus. Ich spürte, wie mir der Schweiß runter lief, verspürte eine eisige Kälte, die mir am Körper entgegenschlug und die Stimmen hörte ich plötzlich nur noch aus weiter Ferne. Der Applaus riss mich für kurze Zeit wieder in die momentane Situation und ich sah, dass die ersten Besucher von ihren Stühlen aufstanden. Das war für mich das Zeichen, ebenfalls schnell das Weite zu suchen. Mein erster Gang war zu den Toilettenräumen. Ich war kurz davor, dass sich alles um mich herum drehte und ich hatte in der Vergangenheit gelernt, das ich mir erst einmal kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen lassen muss, damit mein Kreislauf wieder etwas in Wallung gerät. Oft habe ich diesen Gang nicht mehr geschafft und bin an Ort und Stelle einfach umgekippt. Wenn ich dies alles heute Revue passieren lasse, dann denke ich mal, das ich in diesen Momenten sehr oft einen Overload hatte. Nur wusste ich es zur damaligen Zeit nicht.
Ich trat mit der Theatergruppe noch drei weitere Male auf Veranstaltungen auf und jedes Mal musste ich im Anschluss noch Fragen beantworten. In diesen Momenten spürte ich, dass die Schauspielerei und die Theatergruppe doch nicht das richtige für mich war. Es waren zu viele Menschen an einem Ort, die Luft war unangenehm, meistens sehr drückend und ich musste jedes Mal auch noch eigene Worte mit einbringen. Somit verwarf ich den Gedanken an diesen Berufswunsch und suchte weiter.

Ein weiterer Beruf, der für mich in Frage kommen könnte, war die Schriftstellerei. Im TV lief gerade „Die Waltons“ und John-Boy schrieb ja täglich an den Lebensgeschichten seiner Familie. Auch konnte ich mich sehr oft in seine Gedankenwelt hineinversetzen. Aber was oder worüber könnte ich schreiben, damit meine Geschichten bzw. Bücher auch gekauft und gelesen werden? In meiner Familie gab es nicht so viele aufregende Dinge, wie bei den Waltons und Fantasie hatte ich irgendwie keine. So konnte ich mir keine Geschichten einfach ausdenken. Nach dem ersten Versuch einer von mir geschriebenen Liebesgeschichte aus der Sicht eines Teenagers hörte ich auch damit wieder auf. Ich hatte die Geschichte an einen Verlag geschickt und bekam kurze Zeit später mein Manuskript wieder zurück mit dem Hinweis, das eine Liebesgeschichte meistens ein“ happy-end“ hat und meine Geschichte war von Anfang bis Ende aus der Sicht eines sehr traurigen Teenagers geschrieben. Ich sollte mich später noch einmal melden, da der Ansatz der Schreiberei sehr viel versprechend sei, aber der Inhalt mehr Fantasie und Einfühlungsvermögen benötigte.

Langsam war ich mit meinem Latein am Ende, aber die Zeit drängte, denn ich musste anfangen mit Bewerbungen schreiben. Aber wo sollte ich mich bewerben? Und vor allem als was? Ich nahm beim Schulprojekt auch an einem Vorbereitungskurz für Berufseinsteiger teil und nach der Auswertung des Fragebogens hatte ich die meiste Punktzahl als Friseur. Hilfe, da musste man doch den ganzen Tag wildfremden Menschen am Kopf rumfuchteln, ständig mit den Kunden reden und dann diese vielen Spiegel. Überall müsste ich mich den ganzen Tag selber sehen und ertragen. Dieser Berufseinstiegstest ging bei mir voll daneben.

Ich versuchte mein Glück mit der Malerei. Mein Onkel baute mir eine Staffel und zum Geburtstag wünschte ich mir Leinwand, Ölfarben und Zubehör. Beim Malen verbringt man auch sehr viel Zeit mit sich allein. Das musste bzw. sollte es nun sein.
Aber noch bevor ich meine Malereiutensilien alle beisammen hatte und ich mir Gedanken machen konnte, was ich denn nun auf die Leinwand bringen könnte, war die Schulentlassung und ich konnte noch immer nichts vorweisen.
Die Freundin meines Bruders arbeitete beim Rechtsanwalt und diese Kanzlei suchte gerade eine Auszubildende. Mein Vater war begeistert und der Meinung, genau das richtige für mich. Da ich mich selten der Entscheidung meiner Eltern widersetzte und auch nichts Besseres wusste, versuchte ich mein Glück. Ich bekam die Ausbildungsstelle durch Vitamin B und durchlebte nun die fast schwersten Jahre. Die Ausbildung war für mich eines der schlimmsten Erfahrungen, die ich bis dato gemacht hatte. Von wegen Büroarbeit. Ich musste sehr viel Botengänge erledigen, kam immer wieder mit mir völlig fremden Menschen in Kontakt, fand keinen Anschluss in der Berufsschule unter meinen Mitschülern und eine meiner beiden Kolleginnen war der Teufel in Person. Sie ließ kein gutes Haar an mir und war
ständig damit beschäftigt, mich zu schikanieren und herumzuscheuchen.  Da wir nicht wirklich viel zu tun hatten, wurde ich zwecks Beschäftigung in ein anderes Unternehmen geschickt, wo ich Büroarbeiten erlernte, die aber nichts mit meinem zukünftigen Beruf zu tun hatten. So verbrachte ich fast 9 Monate in der Handwerkskammer und ein weiteres Jahr in einem Bauunternehmen im Büro. Ich erlernte meinen Beruf eigentlich nur in der Theorie in der Berufsschule und zwischendurch mal in der Kanzlei, wenn es wieder etwas zu tun gab.
Als die Abschlussprüfung nahte, spürte ich wieder stark zunehmende Nervosität. Zur Prüfung musste ich an eine mir fremde Berufsschule fahren, in einer fremden Stadt unter fremden Menschen.
Die Prüfung fand an einem kalten Januartag statt. Ich traf mich mit fünf weiteren Mitschülern am Bahnhof, damit wir gemeinsam in die 30-Kilometer entfernte Berufsschule fahren konnten.   Unterwegs der erste Schreck. Die Gleise waren vereist und wir wurden umgeleitet. Prüfungsbeginn war um 08.30 Uhr und zu dieser Zeit befanden wir uns noch immer auf halber Strecke auf einem fremden Bahnhof gut 20 Kilometer vom Ziel entfernt. Wir kamen um 10 Uhr in der Schule an und da die Prüfungen bereits begonnen hatten, wurden wir erst einmal separat in ein Klassenzimmer geleitet, wo wir keinen Kontakt zu den anderen Prüflingen haben dürften. Nach der Pause wurden wir mit in das Prüfungszimmer gebracht und mussten nun an der restlichen Prüfung teilnehmen. Während der Pausen wurden wir immer wieder separat untergebracht. Als die Prüfung regulär vorbei war, mussten wir die Anfangsprüfungen nachholen und während dieser Zeit verspürte ich wieder diesen Prozess in mir, als würde ich nicht wirklich anwesend sein. Stimmen hörte ich nur aus weiter Ferne, Schweiß lief mir von der Stirn, Kälte durchzog meinen Körper, mir wurde Schwarz vor Augen.
Als ich wieder zu mir kam, war die Prüfung vorbei und ich, wie sollte es auch anders sein, bei drei fehlenden Fächern, durchgefallen. Trotz alledem musste ich zwei Wochen später noch einmal zur mündlichen Prüfung erscheinen, den Zweck habe ich nicht verstanden, aber da ich immer alles so machte, wie es andere gerne hätten, war ich auch diesmal wieder ordnungsgemäß zur Stelle. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren, also konnte ich vollkommen frei von Ängsten in diese mündliche Prüfung, in der ich sowieso kein Wort herausbringen würde.
Die mündliche Prüfung verlief vollkommen anders ab, als ich es mir vorgestellt habe. Es mussten immer drei Prüflinge gleichzeitig hinein und sich vor dem Prüfungsausschuss hinsetzen. Ich erhielt sofort eine Frage und die Antwort schoss sofort aus mir heraus. Ich war total über mich selbst erschrocken. So ging es noch bei zwei weiteren Fragen und dann war die Zeit auch schon um. Nachdem alle Auszubildenden die mündliche Prüfung geschafft hatten, wurde noch einmal jeder einzeln hereingerufen. Natürlich erhielt ich ein Schriftstück, in dem drauf stand, dass ich die Prüfung nicht geschafft habe, aber für die mündliche Prüfung erhielt ich immerhin noch eine Note 2.
Mein Chef versuchte am nächsten Tag aufgrund meines Zusammenbruchs bei der Prüfungskommission eine Sonderregelung zu erteilen, damit ich die Prüfung schnellstmöglich nachholen konnte, anstatt regulär nach sechs Monaten. Dies wurde aber abgelehnt und so musste ich weitere 6 Monate in dieser Kanzlei bzw. bei dem Baustoffunternehmen arbeiten und kam in der Berufsschulklasse wieder mit neuen Mitschülern zusammen.
Die Nachprüfung schaffte ich diesmal ohne Schwierigkeiten, da ich die Pausen dazu nutzte, mich an einen ruhigen Ort zurückzuziehen und zu regenerieren, anstatt mit den anderen Prüflingen gemeinsam auf dem Pausenhof über die Prüfungsfragen zu diskutieren.

Vom Arbeitsamt wurde ich drei Monate nach meiner Prüfung in eine andere Rechtsanwaltskanzlei vermittelt. Beim Vorstellungsgespräch wurde mir zuerst die Frage gestellt, warum ich mich bei ihnen beworben habe. Da ich, wenn ich denn mal die richtigen Worte finde, wahrheitsgetreu antwortete, sprudelte es ohne lange nachzudenken einfach aus mir raus: „Ich habe mich ja nicht aus freien Stücken beworben, ich wurde hierher vermittelt“. Sie suchten eine Notarfachangestellte und befragten mich, was ich im Notariat alles während meiner Ausbildungszeit gelernt habe. Wieder antwortete ich ganz ehrlich mit „Nur Urkunden nähen“. Ich hatte nicht vor, dort anzufangen und musste von daher auch nicht lange nach Worten suchen, damit ich nicht falsch antwortete. Ich glaubte nach dem Vorstellungsgespräch, das ich diesen Ort nicht noch einmal wieder sehen müsste und ging gut gelaunt nach Hause. Am nächsten Tag erhielt ich den Anruf, dass ich zum 01.06. anfangen könnte. Da es bis zu diesem Termin noch etwas hin war, fing ich an, weitere Bewerbungen zu schreiben. Büroarbeit machte mir inzwischen Spaß, aber ich brauchte Ruhe zum arbeiten und in einem Großraumbüro war ich nicht richtig aufgehoben. Von daher suchte ich nach einem Job mit wenig Kollegen. Ich fand nichts und begann am 01.06.  in dieser Kanzlei an zu arbeiten. Nach drei Jahren in dieser Kanzlei wurde ich das erste Mal schwanger. Nach einer 15-monatigen Elternzeit ging ich wieder zurück in die Kanzlei und arbeitete von da an halbtags weiter.  Ich hatte in dieser Kanzlei zwei Chefs und diese verstanden sich zunehmend schlechter. Sie wollten sich trennen und so wurde ich gefragt, ob ich mir einen Neuanfang in einem anderen Büro vorstellen könnte. Konnte ich natürlich nicht, aber da mein Vorgesetzter und meine Kollegin, mit der ich mich in der Zwischenzeit angefreundet hatte, ebenfalls mit ins neue Büro gingen, stand mein Entschluss fest und ich wechselte ebenfalls mit viel Bauchschmerzen vor dem neuen Unbekannten, was nun auf mich zukommen sollte. In der neuen Kanzlei blieb ich nun weitere 11 Jahre, bis mir aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wurde. Es war genau der Zeitpunkt, in dem mein zweiter Sohn kurz vor seiner Diagnose stand und ich mit meinen Nerven eh schon am Ende war.
Ich habe lange gerechnet, ob wir ohne meinen Verdienst weiterhin gut auskommen und ich eventuell gar nicht mehr arbeiten gehen muss. Laut meiner Berechnung sah es gut aus und so entschloss ich mich, künftig nur noch für meine Familie da zu sein.

Aufgrund der Diagnose meines Sohnes machte ich mich nun langsam mit dem Thema Autismus vertraut und schneller als ich glaubte, war ich wieder im „Arbeitsleben“ drin. Ich übernahm ehrenamtlich einen Moderatorenjob in einem  Autismus-Forum und ein Jahr später gründete ich vor Ort eine eigene Selbsthilfegruppe für Eltern autistischer Kinder. Diese ehrenamtlichen Arbeiten bereiteten mir Freude und zum ersten Mal in meinem Leben machte ich Dinge, die ich mir selbst aussuchte. Da in unserem Forum immer wieder die Fragen auftauchten, warum es nur in Amerika Autismusschmuck gibt und ob jemand vielleicht noch Shops kennt, die günstiger sind, überlegte ich mir, eigenen Schmuck aus dem Bereich Autismus herzustellen. Ich fand ein neues Hobby und mein selbst hergestellter Schmuck fand schnell Anklang im Forum. Da ich es anfangs nur hobbymäßig ausübte, aber meine Ideen und die Nachfragen gar kein Ende nahmen, meldete ich ein Gewerbe an und fertige nun Bekenntnisschmuck an. Nach langer Zeit habe ich meine Familie, meine Interessen und meine Arbeit unter einen Hut bringen können und empfinde endlich Freude am Leben.

Sonntag, 8. März 2015

Das Für und Wider beim Loben

Lange Zeit wusste ich nicht, warum ich es nicht mag, wenn man mich für Dinge lobt, die doch fast schon selbstverständlich sind (für mich zumindest) und dann konnte ich mich über diese Art von Lob auch nicht wirklich freuen. Zu Zeiten, als ich meine Eltern pflegte, haben mich die Nachbarn immer gelobt, wie viel Zeit ich mit und für meine Eltern aufbringe. Warum lobt man mich dafür? Meine Eltern haben doch auch ihre Zeit „geopfert“, um mich auf das Leben vorzubereiten und waren immer zur Stelle, wenn ich Hilfe benötigte. Warum also sollte ich dies dann nicht auch für meine Eltern machen, wenn sie nun Hilfe benötigen. Eine Selbstverständlichkeit für mich und nichts besonderes, dass ein Lob wert wäre. Als meine Mutter einen Schlaganfall erlitt und sie hilflos auf dem Sofa lag, als ich nach der Arbeit zu meinen Eltern fuhr und sie dort liegen sah und nun schnell reagieren musste, um den Notarzt zu alarmieren. Für dieses Telefonat, wo mir keine Zeit zum Zurechtlegen von der  richtigen Wortwahl blieb, keine Zeit einen Notizzettel und einen Stift griffbereit neben dem Telefon zu legen, dafür hätte man mich loben dürfen. Denn Telefonieren ist für mich eine Überwindung, die sehr viel Zeit kostet und Nerven.
Richtig bewusst wurde mir das mit dem falschen bzw. richtigen Loben aber erst, als mein Sohn beim Einschulungstest einen Overload hatte aufgrund eines für ihn falschen Lobes. Mein Sohn musste ein Bild zeichnen mit einem Menschen. Man wollte testen, ob er beim Menschen malen an alles denkt (Augen, Nase, Mund, 5 Finger und Füße, etc.) Er malte ein Strichmännchen mit allen notwendigen Merkmalen, aber dieses Strichmännchen hatte einen langen und einen kurzen Arm sowie zwei ungleiche Füße und riesige Ohren. Es war kein schönes Bild aus der Sicht meines Sohnes. Aber zur Auswertung für die Einschulung war es genau richtig, da es nur auf die Merkmale ankam, nicht auf die Schönheit. Das sah mein Sohn aber nicht und konnte mit diesem Lob „Das hast du ganz toll gemacht“ nichts anfangen und war der Meinung, dass alle anwesenden nur Lügen würden. Dies ist ein falsches Lob gewesen und damit konnte er nicht umgehen. Richtig wäre es gewesen, wenn man ihm erklärt hätte, dass es auf die Merkmale ankommt und ihn für die richtige Lösung der Aufgabenstellung das Lob ausgesprochen hätte, nicht für das Gesamtbild.
 Uns ist es beim Loben sehr wichtig, dass wir für Dinge gelobt werden, die wir in Situationen gut machen, obwohl sie für uns schwierig sind in der Art der Ausführung.

Ein weiteres Beispiel des falschen Lobes ist, wenn ich mich überwinde und zum Friseur gehe. Dies fällt mir unwahrscheinlich schwer, weil mich die vielen Spiegel verrückt machen und dort immer viel Smalltalk gehalten wird. Wenn ich mich dann aber mal überwunden habe und nach Hause komme und mein Mann meine neue Frisur lobt, ist dies ein falsches Lob für mich. Jede andere Frau würde sich über so ein Kompliment vielleicht freuen, ich nicht. Denn wenn mein Mann meine Frisur lobt, dann ist dies die Arbeit bzw. Leistung der Friseuse. Lobt er mich, weil ich es mal wieder geschafft habe zum Friseur zu gehen, dann ist es für mich ein aufrichtiges und ehrliches Loben.

Kritik kann ich sehr gut wegstecken und auch gut mit umgehen. Ich nehme es an, es beschäftigt mich auch, versuche aber gleichzeitig auch zu überlegen, was oder wie ich es hätte besser machen können. Über Kritik bin ich auch nicht böse, ganz im Gegenteil, es spornt mich an, es beim nächsten Mal einfach besser zu machen.


Mein Sohn ist ein guter Schüler und in seinen schriftlichen Arbeiten bringt er überwiegend nur Einser mit nach Hause. Fächer, die ihm nicht so liegen, da kommen dann auch mal Zweier oder Dreier als Note nach Hause, was ja immer noch gute Zensuren sind. Würde ich ihn aber nun für eine Zwei oder Drei Loben, dann fehlt ihm das Verständnis, da ein Lob nur bei einer Eins gerechtfertigt ist, da dies der Beweis für eine fehlerfreie Arbeit ist. Bei allen anderen Zensuren sind Fehler enthalten und Fehler dürfen seiner Meinung nach nicht gelobt werden. Dies musste ich auch erst lernen, denn bei den Zensuren habe ich es nie so gesehen. 


Freitag, 27. Februar 2015

"Ich habe nur dieses eine Gesicht" - Gefühle zum Ausdruck bringen

Gefühle in Worte zu fassen, fällt mir schwer, eigentlich ist mir dies überhaupt nicht möglich. Wenn ich es mal schaffen sollte, die richtigen Worte zu finden, dann habe ich diese meist vorher irgendwo gelesen oder gehört und versuche dies an angebrachter Stelle weiterzugeben. Auch kleine Gesten, wie den Arm auf die Schulter oder auf den Kopf legen bzw. die Hand halten, wenn jemand traurig ist, ist mir schier unmöglich. Da ich dies nicht brauche, denke ich auch immer, es ist anderen gar nicht recht, wenn man sie in bestimmten Situationen berührt. Ich bin nicht Gefühlskalt, auch wenn das oftmals bei anderen so ankommt. Ich empfinde es nur anders und gebe es somit auch auf eine andere Art wieder.
Selbst in Momenten des glücklich seins laufe ich nicht strahlend durch die Welt. Mein Gesichtsausdruck ist meistens gleich bleibend, so dass ich oftmals schon in Momenten größter Freude einen Spruch wie „bist du sauer?“ oder „Hast du schlechte Laune?“ zu hören bekommen habe. Genau in diesen Momenten, wenn man mir diese Frage gestellt hat, wurde ich sauer und meine Laune verschlechterte sich. Meistens war meine Antwort kurz und knapp „Ich habe nur dieses eine Gesicht“. Heimlich habe ich früher vor dem Spiegel einen freundlichen Gesichtsausdruck versucht zu erlernen, aber ich konnte mich noch so bemühen, jedes Lächeln sah gequält aus und bereitete mir volle Konzentration, so dass ich für nichts anderes mehr einen klaren Gedanken hatte. Ich mag es auch nicht, wenn ich fotografiert werde, da man auf Fotos ja immer „lächelt“ und mir dieser Ausdruck einfach fehlt.
Das ich überhaupt eine Diagnose im Alter von 46 Jahren noch angestrebt habe, war auch aufgrund meiner nicht sichtbaren Freude. Mein ältester Sohn hatte gerade seine Prüfung zum stattlichen Techniker mit der Note zwei bestanden und als er freudestrahlend nach Hause kam, um mir das Ergebnis mitzuteilen, saß ich regungslos vor dem PC, schaute kurz hoch und sagte: „Herzlichen Glückwunsch“. Mein Sohn verließ das Zimmer und mir liefen plötzlich die Tränen. Ich war so stolz auf ihn, innerlich habe ich riesige Luftsprünge vor Freude gemacht, hätte ihn am liebsten ganz fest in den Arm genommen und gedrückt, aber äußerlich saß ich da, vollkommen regungslos, fast schon teilnahmslos. Ich habe sehr lange gebraucht, um ein Gespräch mit meinem Sohn zu suchen, um ihm meinen Verdacht auf Autismus zu erklären und ihm über meine äußerlich zum Ausdruck gebrachte Teilnahmslosigkeit zu erklären. Ich war dankbar für dieses Gespräch und die erste Äußerung, die mein Sohn zu mir sagte: „Da habe ich mir nie etwas bei gedacht, ich kenne dich ja nicht anders“. Dennoch war dies der Moment, der mich dazu bewegte, eine Diagnostik anzustreben.


Trauer ist auch etwas, das ich nicht zeigen kann. Ich merke und spüre, dass andere Menschen traurig sind, besonders nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch Tieres. Mir fällt es aber schwer, ihnen Trost zu spenden oder die richtigen Worte zu finden.  Besonders schwer war es für mich, als meine Mutter starb und mein Vater einen Halt suchte. Diesen konnte ich ihm nicht wirklich bieten, ich habe mich mit dem ganzen Beerdigungszeremoniell beschäftigt. War bei ihm und hörte zu, wenn er reden wollte. Ich war aber nicht in der Lage, ihn zu umarmen und zu trösten. Auch mich hat der Verlust meiner Mutter bzw. meiner Eltern sehr getroffen und traurig gemacht, aber ich konnte nur für mich allein trauern. Tränen verlor ich nur, wenn ich allein war. So war es schon, als mein Bruder auf tragische Weise ums Leben kam. Ich ergriff überwiegend die Flucht, suchte ruhige verlassene Orte auf. Lief stundenlang allein durch die Gegend. Das war meine Art von Trauerbewältigung und in dieser Zeit musste ich auch viel weinen. Ich brauche einfach meine Rückzugsorte, um meine Gefühlswelt auszuleben.

Montag, 24. November 2014

Verrückte Gefühlswelt - Fachtagung in Twistringen



Am 21.11.2014 fand in Twistringen eine Fachtagung zum Thema „Autismus im Alltag – Probleme und Hürden“ statt.
Ich war ebenfalls vor Ort und muss nun,  3 Tage danach feststellen, dass der Titel dieser Fachtagung genau mein Inneres getroffen hat.
Dieses Schulwanderprojekt, organisiert von der SHG Leben mit Autismus Diepholz/Vechta, welches unter dem Motto „Ich – einfach anders 2014“ gestartet ist, hat das Thema nicht verfehlt, war bestens organisiert und schreit nach Wiederholung, aber darüber möchte ich nun gar nicht schreiben. Sondern über das, was mir gerade durch den Kopf geht, obwohl meine Gedanken schon wieder Karussell spielen. Also zurück zum Thema dieser Fachtagung:
Autismus im Alltag – dieses kriege ich ziemlich gut geregelt, also meinen Autismus im Alltag und auch den von meinem Sohn. Es läuft, mal gut, mal weniger gut, aber es läuft. Probleme und Hürden habe ich immer versucht zu bewältigen und zu überwinden, immer mit gewissen Zielen vor Augen. Nun ist es gerade anders. Ich finde nicht in meinen Alltag zurück. Meine Emotionen spielen verrückt. Ich habe kein komplettes Bild von diesem Tag im Kopf, sondern viele zerstreute Puzzleteile, die ich nun gerade wieder versuche zu sortieren und wieder Stück für Stück zusammensetze. Wobei es nicht um die Vorträge geht, diese haben  mich stark berührt, zumindest die, welche bei mir „ankamen“. Es geht einfach um meine Gefühlswelt, um mein Inneres. Ich fange an zu zittern, sobald ich an diesen Tag denke und ich denke gerade sehr viel an diesen Tag. Ich bin ohne große Erwartung hingefahren, eher mit einem mulmigen Gefühl, kannte ich ja nur zwei Menschen persönlich, die ebenfalls dort vor Ort waren, andere kannte ich aus dem sozialen Netzwerk, aber genau hier begann meine Nervosität. Wird mich jemand von diesen virtuellen Freunden ansprechen oder überhaupt beachten? Wie wirke ich auf diese Menschen? Fragen, die meinen Puls auf der Hinfahrt schon stark anschwellen ließ. Kaum angekommen war alles weg. Nach und nach trudelten alle ein und ich spürte keine Angst, sondern eine innige Vertrautheit, Verständnis und vor allem wahre Freundschaft. Nicht einen Moment ist mir dieser Gedanke gekommen, einsam unter vielen zu sein. Ich gehörte dazu, ich fühlte mich wohl. Es wurde als selbstverständlich hingenommen, wenn man während eines Gespräches sich einfach umdrehte und ging, da man mal wieder etwas „Luft“ benötigte. Auch wenn dieser Tag sehr sehr anstrengend war und ich froh war, als ich wieder in meiner gewohnten Umgebung war, so fangen nun meine Gedanken an, alles Revue passieren zu lassen, Dinge zu tun, zu denen ich an diesem Tage gar nicht in der Lage war bzw. nie auf den Gedanken gekommen wäre, aber ich habe gerade ein ganz starkes Gefühl, diese Freunde, die ich dort persönlich kennen lernen durfte, einfach in den Arm zu nehmen. Gefühle, die ich so gar nicht kenne. Besonders stark kommen diese Gefühle hoch, wenn ich im sozialen Netzwerk lesen muss, das es den anderen wohl so ähnlich geht.
Ich werde wohl noch Tage brauchen, um meinen Alltag wieder zu finden, aber diesmal bin ich auch gar nicht so böse drum, denn ich habe positive Gedanken an ganz liebe Freunde und wünsche mir ganz schnell ein Wiedersehen.
Es war ein unvergesslicher Tag, der mir wieder gezeigt hat, dass wir Autisten sehr Wohl Gefühle haben und diese auch zeigen können, leider nicht immer sofort an Ort und Stelle, aber sie sind da und diesmal sogar sehr sehr stark.

Ich danke Euch für diesen tollen Tag und für die Freundschaft. 

Mittwoch, 24. September 2014

Happy birthday

Mein lieber Sohn,

du bist mir gerade so nah und dennoch so fern.
Auch wenn du diese Zeilen wohl nie lesen wirst, muss ich sie schreiben, damit ich persönlich etwas zur Ruhe komme. Denn auch für mich ist dies eine ganz neue Situation und hierfür habe ich keinen Plan. Der heutige Tag verläuft für mich vollkommen planlos. Aber das soll nicht die Freude auf deinen Ehrentag trüben, lass es dir einfach gut gehen und genieße diesen Tag, den deine Klassenlehrerin und deine Schulkameraden nur für dich so geplant haben.
Heute feierst du deinen 10. Geburtstag ohne uns. Darüber sind wir etwas traurig, aber gleichzeitig auch mächtig stolz, wie du das gerade alles meisterst.

Trotz aller Ungewissheit vor deiner ersten Klassenfahrt, der Unterkunft, der ersten Trennung von uns und den Verzicht auf einen Geburtstag, wie du ihn gewohnt bist im Kreise deiner Familie, bist du auf eine Reise gegangen, die dir mehr Angst als Vorfreude bereitet hat. Aber du hast es geschafft.
Du bist in den Bus gestiegen, hast nun schon die zweite Nacht hinter dir und sicherlich haben dir schon die ersten Klassenkameraden zum Geburtstag gratuliert.
Mama und Papa denken heute ganz besonders an dich. Wir vermissen dich, nicht nur heute. Aber es fällt uns unsagbar schwer, dir heute nicht persönlich gratulieren zu können/dürfen.

Wir wünschen dir heute einen ganz besonders schönen Tag. In Gedanken sind wir ganz nah bei dir und freuen uns für dich.

Bleib so wie du bist und sei einfach du selbst.

Auch wenn du es nicht besonders gerne magst, aber in Gedanken drücken wir dich gerade ganz fest.

Wir freuen uns schon auf deine Rückkehr und dann werden wir deinen Geburtstag noch einmal ganz besonders feiern.
 Auch dein Bruder versucht es möglich zu machen, damit er bei deiner Rückkehr zu Besuch vorbei kommt.

In Liebe
Mama und Papa


Samstag, 20. September 2014

Besondere Worte

„Ich liebe dich“ oder „Ich hab dich lieb“ – Wie oft werden diese Worte ausgesprochen und entgegengenommen, ohne das man das besondere daran hört, bemerkt oder „sieht“?
Ich kann diese Frage nicht beantworten, denn ich gehöre zu den Menschen, die diese Worte sehr selten über die Lippen bringen. Nicht, weil ich nicht lieben kann oder geliebt werde, sondern weil ich nicht fähig bin, diese Wörter im richtigen Moment auszusprechen bzw. in der richtigen Tonlage. Bei mir käme ein „Ich hab dich lieb“ wahrscheinlich genau so emotionsvoll rüber wie „Ich habe Hunger“ oder „Ich bin müde“.
Ich kann mich an eine Situation erinnern, bei der ich es meinem Mann einmal mitgeteilt habe. Es war noch ziemlich früh am Anfang unserer Beziehung. Ich glaubte, ich müsste es ihm sagen, damit er weiß, wie es in mir gerade ausschaut. Aber ich habe es wohl so trocken gesagt und im gleichen Atemzug mit vielen anderen Sätzen, das er es nicht wirklich wahrgenommen hat. Danach habe ich es nie wieder gesagt. Er fragt mich öfters, ob ich ihn noch lieb habe oder so und ich antworte dann halt kurz und knapp mit einem Ja. Inzwischen hat mein Mann es gelernt und akzeptiert, dass er solche Worte von mir nie zu hören bekommt und ist deswegen nicht böse oder enttäuscht. Wenn er diese Worte zu mir sagt, ist es so, das ich in diesen Momenten schon fast ein schlechtes Gewissen bekomme, da ich es nie so sagen kann. Ich versuche es halt auf meine Art und Weise und es scheint zu funktionieren, denn wir verstehen uns oft auch ohne Worte und das ist mir sehr wichtig.

Mein kleiner Sohn ist mir da sehr ähnlich. Auch von ihm haben wir noch nie ein „Ich hab dich lieb Mama“ oder ähnliches gehört. Seine Art mit uns zu reden ist stark tagesformabhängig. Oftmals hat er einen sehr diktatorischen Ton an sich, selten gibt es ein „Bitte“ oder gar „Danke“. Von außen hört sich das sicherlich sehr gefühlslos an, aber man gewöhnt sich mit der Zeit an vieles, auch an die Art mit uns zu reden. Auch mit Betitelungen unserer Familie gegenüber ist er nicht gerade kleinlich und dann kommt es halt oft auch zu Auseinandersetzungen zwischen mir und meinem Sohn, da er es oftmals ironisch meint, ich Ironie aber nicht immer erkenne und schon eskaliert es zwischen uns.
Während er in der einen Sekunde in einem sehr unwürdigen Ton mit uns spricht, passiert es auch, das er in der nächsten Sekunde mit unwahrscheinlich viel Wärme in der Tonlage uns etwas mitteilt. Es ist bei ihm wirklich extrem scher einzuschätzen, wie bzw. was er dann gerade damit ausdrücken will, da ich die schnell wechselnden Tonlagen einfach nicht auseinander halten kann.
Gestern war wieder so ein Moment. Nun steht die Klassenfahrt bevor und wir bereiten alles vor. Während ich ihn nun frage, was er so mitnehmen möchte und es ihn total langweilt und ich auch eine dementsprechende Antwort erhalte, die mich fast schon wieder in den Wahnsinn treibt (RW), kommt plötzlich ganz unsicher diese Frage von ihm, die mich heute noch innerlich total aufwühlt. Die Kinder sollen/dürfen Briefmarken und eine Liste mit Adressen mitnehmen, damit sie evtl. Ansichtskarten schreiben können. Natürlich erwarten wir dies von unserem Sohn nicht, denn das wäre total untypisch für ihn. Gestern dann die erste Frage: “Soll ich euch eine Karte schreiben?“
ICH: „Darüber würden wir uns sehr freuen. Musst du aber nicht, nur wenn du es wirklich möchtest“.
Sohn: „Was schreibe ich denn dann?“
Ich: „Vielleicht, wie es dir gefällt oder das du gut angekommen bist?“
Sohn: „Kann ich auch schreiben: Ich habe euch ganz doll lieb“

Der Dialog war meinerseits unterbrochen. Diese Worte!!! Mir kamen die Tränen, so habe ich noch nie reagiert bzw. empfunden, wenn mir dies jemand sagt. Mein Sohn hat gerade diese besonderen Worte ausgesprochen, wenn auch nur als Frage, auf die wir von ihm nun seit fast 10 Jahren warten. Er hat es uns ja auch noch nie auf eine andere Art gezeigt, in dem er uns mal in den Arm genommen hat oder einfach nur fest gedrückt hat. Er mag die körperliche Nähe nicht.

Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte, antwortete ich endlich mit einem „Das wären die schönsten Zeilen, die du uns schreiben könntest“.
Die Unterhaltung war beendet und er widmete sich wieder anderen Dingen. Auch ich musste meine gerade ausgeführte Tätigkeit unterbrechen und mich erst wieder gedanklich sortieren.
Es war einer der schönsten Momente, die ich nicht in Worte fassen kann.
Ich denke und hoffe aber, dass einige diesen besonderen Moment gerade sehr gut verstehen und nachempfinden können. Es ist etwas Besonderes für uns…





Dienstag, 16. September 2014

Tage wie diese...

Schlaflos……meine Gefühle fahren gerade Berg und Tal mit mir. Absolutes Chaos macht sich in meinen Gedanken breit. Was ist nur gerade los mit mir? Aufregung, Nervosität, Angst, Panik – ich kann es nicht beschreiben. Es ist wohl alles dabei. Selbst das Schreiben bereitet mir gerade große Schwierigkeiten, aber um meinen Kopf, meine Gedanken wieder zu sortieren, muss ich schreiben. Ich muss aufräumen, meine Gedanken sortieren und wieder Ordnung schaffen. Nur wo fange ich an?
Meine Gedankenwelt dreht sich gerade dermaßen schnell, das ich es kaum schaffe, überhaupt einen Gedanken zu Ende zu denken.
Mein Sohn fährt demnächst auf Klassenfahrt. Wahrscheinlich ist jede Mutter nervös und aufgeregt vor der ersten Klassenfahrt. Ich muss an so viel denken und schaffe nichts in ordentliche Bahnen zu lenken. Ich habe mit der Klassenlehrerin die hoffentlich wichtigsten Punkte, die es zu beachten gibt, abgeklärt. Hoffentlich. Nun kenne ich meinen Sohn und weiß, dass er um keinen Preis auffallen möchte. Wenn es ihm dort nicht gefällt, er keinen Rückzugsort findet, wenn er ihn braucht oder ihm seine Rituale fehlen und er nach Hause möchte, in seine gewohnte und vertraute Umgebung, kostet dies nur einen Anruf von ihm bzw. seiner Klassenlehrerin und wir sind sofort da. Aber, dies bedeutet für ihn wieder Erklärungsbedarf seiner Schulkameraden gegenüber. Unser Sohn fühlt sich verpflichtet, es zu erklären, aber es ist ihm auch unangenehm, die Fragen der Kinder zu beantworten. Fragen nach dem Warum bzw. ausgelacht oder belächelt zu werden, weil er nach Hause möchte. Also wird er durchhalten, egal, welche Qualen es für ihn bedeutet. Und dieser Gedanke bereitet mir gerade Qualen. Ich wünsche mir so sehr, das die positiven Erfahrungen auf dieser Fahrt überwiegen und er eine schöne Zeit verleben darf.
Wir haben uns für die Klassenfahrt entschieden, da wir der Meinung sind, das er diese Erfahrungen sammeln muss. Erfahrungen, die wichtig sind und hoffentlich auch positiv. Im Vorfeld haben wir alles mit unserem Sohn abgesprochen, vom Pro und Contra der Klassenfahrt bis zur evtl. vorzeitigen Rückreise, sollte es nicht seinen Erwartungen entsprechen.
Entscheidend war hauptsächlich, das es ein kleiner Abnabelungsprozess ist, da ich seine einzige Bezugsperson bin und eine Trennung ein Lernprozess bedeutet, der in diesem Alter mehr als wichtig ist.
Es ist nicht einfach, unser Sohn hat während der Klassenfahrt Geburtstag und dazu noch der 10. Für uns bedeutet dies, dass wir ihm nicht gratulieren können, denn ein Anruf würde ihn vielleicht aus der Bahn werfen, sofern es ihm dort gefällt. Weiterhin können wir seinen Geburtstag nicht gleich nach Rückkehr feiern, da ich gleich am nächsten Tag eine Tagesreise antreten werde und von früh morgens bis spät nachts außer Haus bin und wir uns erst wieder am Sonntag so richtig sehen und reden können. Eine Vorstellung, die zu meinem Gedankenchaos beiträgt.
Sollte die Klassenfahrt positiv für unseren Sohn verlaufen, dann wäre diese Abwesenheit von mir nicht so tragisch und ich könnte mich gedanklich etwas fangen. Da ich dies aber wohl erst bei der Ankunft nach der Klassenfahrt erfahre, kann ich mich nicht auf meine lange Fahrt konzentrieren. Ich muss 5 Stunden mit dem Zug fahren, um an einen für mich sehr wichtigen Kongress teilzunehmen und zudem allein reisen. Eine Vorstellung, die jetzt schon Panik in mir hervorruft. Aber ich will darauf nicht verzichten und verfluche daher fast schon diese Klassenfahrt, die eigentlich schon viel früher stattfinden sollte, aber aufgrund Erkrankung der Klassenlehrerin um sechs Monate verschoben wurde und ich nun in dieser Zwickmühle zwischen Vorfreude und Angstzuständen schwanke.

Es ist derzeit einfach zu viel für mich. Klassenfahrt, Geburtstag (ohne Kind), Auszug von unserm ältesten Sohn und meine Zugfahrt, von der ich noch nicht weiß, was mich erwartet. Alles innerhalb von 7 Tagen. Wobei es mir überwiegend nur vor dieser Fahrt graut, die Vorstellung am Gleis zu stehen, immer in der Hoffnung, dass ich auch in den richtigen Zug einsteige. Im Zug sitzend immer Gewehr bei Fuß, damit ich auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort umsteige und dann am Ziel den Weg vom Bahnhof zum Ziel finde, ohne öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu müssen (mit denen ich mich nicht auskenne). Panik, Angst…..
Auf den Kongress selbst freue ich mich, ich werde einige bekannte Gesichter treffen und auch Menschen kennen lernen, die ich bis dato nur aus Netzwerken kenne, die mir aber schon sehr vertraut sind. Gleichzeitig weiß ich aber auch, das meine Konzentration gleich Null sein wird, da mich die Gedanken auf die Rückfahrt wieder voll in den Bann ziehen und ich vom Tag selber wohl kaum etwas registrieren bzw. wahrnehmen werde. Aber es ist für mich ein wichtiger Tag, ein besonderer Tag, den ich nicht versäumen möchte mit all seinen negativen und hoffentlich überwiegend positiven Erfahrungen.